Wie konntest Du nur

Mai 10, 2016

(Eine Katzengeschichte von Kerstin Kilthau, www.hundundkatz-ellhofen.de)

Als ich noch eine Kätzchen war, unterhielt ich dich mit meinem Herumtollen und brachte dich zum lachen. Du nanntest mich „dein Baby“ und, obwohl ich einiges kaputt machte, wurde ich deine beste Freundin. Wann immer ich etwas anstellte, hobst du mahnend den Zeigefinger und sagtest:

„Wie konntest du nur!?“

Ich erinnere mich an all die Nächte, in denen ich mich in deinem Bett ganz eng an dich schmiegte und das Leben vollkommen schien. Tagsüber schlief ich solange, bis du von der Arbeit nach Hause kamst. Doch plötzlich war die „Karriere“ wichtiger als ich. Dann warst du viel weg, um einen Menschenpartner kennen zu lernen. Ich wartete immer geduldig auf dich und tröstete dich bei jedem Liebeskummer. Als du endlich „deinen“ Partner fandest stellte sich heraus, dass er keine Katzen mag.

Wie konntest du nur!

Dann kamen nacheinander deine Kinder zur Welt. Ich teilte die Aufregung mit dir. Aber du und dein Partner dachten nur daran, dass ich den Kindern schaden könne. Deshalb wurde ich ausgesperrt. In dein Bett durfte ich schon lange nicht mehr. Als die Kinder groß waren, ging alles wieder um deine Karriere und du wolltest in eine andere Stadt ziehen. Du hast dir eine Wohnung ausgesucht, in der keine Katzen erlaubt waren.

Wie konntest du nur!

Dann machten wir einen Ausflug. Doch als wir ankamen, war der Spaß zu Ende. Es roch nach Hunden und anderen Artgenossen, nach Angst, Desinfektionsmittel und Hoffnungslosigkeit. Du fülltest Papiere aus und bist weggegangen.

Wie konntest du nur!

Die netten Damen brachten mich in einen Box und sprachen leise miteinander: Wer will schon eine Katze mit 15 Jahren? Die Wahrheit war, dass ich es mit den süßen kleinen Katzenkinder nicht aufnehmen konnte. Eines Tages, nach vielen Wochen des Wartens auf dich, hörte ich Schritte. Man hob mich auf und legte mich behutsam auf einen Tisch.

Plötzlich spürte ich einen Stich und eine Flüssigkeit lief brennend in meinen Körper. Ich streckte mich schläfrig aus und schaute in die freundlichen Augen der Tierärztin und murmelte:

„Wie konntest Du nur?“

 

 

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